perfekt perfektionslos

Es ist Freitagabend und sitze mit meinem immer noch sehr geliebten Stillkissen im Rücken halb liegend im Bett. Der Laptop vor und ein Glas Rotwein neben mir auf dem Nachttisch. Die einen von euch denken jetzt bestimmt, dass ich ein kleines Alkoholproblem habe, die anderen lesen diesen Artikel vermutlich selbst lümmelnd auf dem Sofa mit nem Kaltgetränk in der Hand.

 Mit meinem Glas Merlot belohne ich mich selbst und blicke zufrieden auf diese Woche zurück.

 

 Überlegt einmal kurz, was ihr diese Woche alles geschafft und geleistet habt? Was ihr erreicht, erlebt und euch selbst erarbeitet habt? Ok, ich spreche hier jetzt weniger von den erreichten Leveln bei Pokémon GO oder dem zurückliegenden Shopping-Marathon, den ihr während der Glamour Shopping Week hinter euch gebracht habt. Ich meine alltägliche Dinge, die wir manchmal schon wie ferngesteuert erledigen. Beispielsweise sowas wie, euch morgens aus dem Bett zu quälen (gilt bei diesen Temperaturen definitiv als ein Punkt, der auf einer To-Do-Liste stehen darf), den Job zufriedenstellend erledigen oder habt ihr vielleicht sogar einen wichtigen Auftrag an Land gezogen? Arzttermine wahrnehmen, Sport machen, euch gesund ernähren. Oder habt ihr euch vielleicht schon lange etwas vorgenommen und es diese Woche endlich mal geschafft? Rechnungen sortiert und abgelegt oder ein Zimmer neu gestrichen?

 

Es ist doch so, wenn man ein Kind fragt: „Was möchtest du später werden?“, dann fangen die Augen der Kinder an zu leuchten. Sie sind ganz aufgeregt und nennen mit Freude ihren Traumberuf: Tierärztin, Fußballprofi, Polizist, Lehrerin, Pilot, Prinzessin… . Die Faszination der kleinen für die „Berufe“ Ihrer Eltern, Vorbilder oder Lieblingsstars ist enorm. Und das ist auch gut so!

Aber besteht das Leben heutzutage wirklich „nur“ aus einem Job? Oder ist unser Leben selbst die tatsächliche Arbeit?

Wenn ich mir den Titel eines Projektes der SPD anschaue (! Achtung, hierbei handelt es sich um eine Tatsache die ich bei Google gefunden habe. Ich stehe mit der SPD in keiner Kooperation ;-)), dann muss ich meine zweite Frage auf jeden Fall mit „jaaaa“ beantworten. Der Titel ist wie folgt:

 

Projekt #NeueZeiten - Arbeits- und Lebensmodelle im Wandel

und das zugehörige Dialogpapier hat den überaus kurz geratenen Namen:

„Elemente einer nachhaltigen, partnerschaftlich orientierten und familienfreundlichen Zeitpolitik“

(Quelle: http://www.spdfraktion.de/fraktion/projekt-zukunft/neue-zeiten)

 

Das klingt nicht nur nach Arbeit, sondern ist es auch. Jeder, der von euch schon einmal einen Elterngeldantrag ausfüllen durfte weiß, dass dieser selbst eher weniger mit nachhaltiger, partnerschaftlich orientierten und familienfreundlichen Zeitpolitik zu tun hat.

Wie ist euer Tagesablauf?

Beginnt der Tag bei euch schon mit „Arbeit“, weil ihr euch dazu quält vor der Arbeit joggen zu gehen oder zählt ihr bereits beim Frühstück Weight Watchers Punkte? Hetzt ihr mit Bus und Bahn ins Büro oder schwingt ihr euch auch bei gefühlten Minus tausend Grad auf den altbewährten Drahtesel? Und dann ist endlich der Feierabend da. Entweder pünktlich auf die Minute, weil zu Hause noch weitere Verpflichtungen warten, oder ihr bleibt mal wieder länger, weil die Arbeit ja erledigt werden muss. Zu Hause beginnt dann wieder der Kampf mit dem inneren Schweinehund (lest hierzu auch meinen Artikel „Und täglich grüßt der Schweinehund“ – zu finden im Archiv April `16).

 

Gewinnt das Sofa, weil ein guter Film läuft, der Tag anstrengend war und ihr einfach nur eure Ruhe haben wollt, oder geht ihr ins Fitnessstudio, weil ihr euch auspowern müsst und euch selbst schlecht fühlen würdet, wenn ihr eine Trainingseinheit auslassen würdet?

 

Wenn doch das Sofa gewonnen hat und ihr gerade gemütlich vor dem Fernseher liegt, fällt der Blick wie durch Geisterhand immer wieder auf die Bügelwäsche, die eigentlich auch mal wieder an der Reihe wäre. Ihr steht wieder auf, bügelt, und in dem Moment, in dem ihr euch entspannt und zufrieden zurücklehnen wollt, kommen kleine Füßchen angetapst und wollen mit Mama und Papa ins Bett.

 

Ok, so läuft es zumindest bei mir aber ich bin mir sicher, dass es vielen von euch ähnlich geht. Mein Leben besteht nicht nur aus einem Beruf und Privatleben, welches mit einem einfachen Work-Life-Balance-Konzept mal eben so in Einklang gebracht werden kann. Ich meine, wie viele von euch haben zusätzlich einen Nebenjob, Studieren nebenbei, engagieren sich in einem Verein, sind aufgrund von dem geliebten Hobby jedes Wochenende unterwegs, haben Kinder, ein Haus/einen eigenen Haushalt? Darüber hinaus versuchen wir Zeit mit Freuden zu verbringen und unseren eigenen Bedürfnissen nachzukommen.

Ausflüchte aus der Realität

Ja, ich gebe es zu. Ich genieße es sogar sehr regelmäßig aus meiner Realität zu flüchten. Ich erwähne an dieser Stelle nur zu gerne mein „Wohlfühlkonzept à la perfektionslos“: Badewanne + Gossip Girl. Ach ja, wie schön ist es sich mit den Schönen und Reichen der Upper East Side zu beschäftigen und die Intrigen als Außenstehender zu verfolgen. Oder wie sieht es bei euch mit Reality-TV aus? Bei mir und der Reality-Soap Keeping up with the Kardashians herrscht große Suchtgefahr.

I keep up with the Kardashians better Than i keep up with my own life

- das ist in der Tat wahr.

 

Auch wenn ich den Kardashian/Jenner-Clan um die wunderschönen Reisen und Urlaube, die Luxusschlitten und definitiv um all ihre Balmain-Kleider beneide, finde ich es in meiner perfekten-perfektionslosen-Realität doch immer noch am schönsten!

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Melia Beli (Samstag, 15 Oktober 2016 00:04)

    Hach, dein Blogpost ist einfach herrlich authentisch und spricht wohl jedem Lesenden aus der Seele! Dieses Hamsterrad namens Alltag hat mich in meinem ersten Job schneller als es mir lieb war eingeholt, meine Tage waren kein Vergleich zu meinem Studentendasein. Beides war anstrengend und fordernd, aber in meinem Studium war ich immerhin die Person, die über meine Zeit entscheiden konnte und das hat mich ganz schön an Kraft gekostet diese Umstellung. Das ist auch der Grund, wieso ich jetzt noch meinen Master mache, da mich diese Fremdbestimmtheit irre viel Nerven gekostet hat und ich gemerkt habe, dass ich noch Zeit brauche, bis ich "wirklich" anfange zu arbeiten. Du machst es genau richtig, wenn du dich mit etwas belohnst, was dir gut tut! Bei mir sieht das heute Abend ähnlich aus: Mein Lieblingsglühwein, die Couch und mein Laptop - mehr brauche ich nicht.
    Ein sehr schöner Blogpost, in dem ich mich absolut wiedergefunden habe!

    Allerliebst
    Melia Beli
    http://www.meliabeli.de

  • #2

    Valentina (Samstag, 15 Oktober 2016 00:07)

    Sehr schöner Beitrag!
    Ich glaube du sprichst damit vielen Menschen aus der Seele und jeder sollte sich eine Scheibe abschneiden und einfach auch mal leben, abschalten und Reality Soaps schauen

  • #3

    perfektionslos (Samstag, 15 Oktober 2016 19:21)

    Liebe Melia Beli, liebe Valentina, ich danke euch sooo sehr für euer Feedback und die lieben Worte zu meinem Blogpost. Es ist wunderbar, dass es auch euch so geht wie mir. Ich wünsche euch alles Gute und Melia Beli, für dein Master Studium ganz viel starke Nerven✌

  • #4

    Sandra (Sonntag, 16 Oktober 2016 23:47)

    Man vergisst leider viel zu oft, dass es noch eine wichtige Person im Leben gibt. Sich selbst. Man stellt seine Bedürfnisse hinten an und lernt erst dazu, wenn man fällt. Aber solche Hürden sind da, um gemeistert zu werden. Es bringt einen dazu stark zu sein. Also lasst ins anfangen die schönen Dinge des Lebens wieder in Augenschein zu nehmen. Als kleiner Tipp. Ich sage mir immer etwas positives, wenn ich meinen Schlüssel in die Hand nehme. Dies mache ich täglich gefühlte 100 mal. Es tut gut und stärkt das Selbstbewusstsein :-)

  • #5

    perfektionslos (Montag, 17 Oktober 2016 17:20)

    Liebe Sandra, du hast mehr als Recht. Unsere Bedürfnisse werden immer hinten angestellt und das muss nicht sein.
    Deshalb finde ich auch deinen Tipp so wunderbar: ab sofort werde ich immer etwas positives zu mit sagen, sobald ich meine Schlüssel in der Hand halte :). Danke!