#4 Villa Kunterbunt

Der Wecker klingelt nicht, dafür flüstert mir meine Tochter ins Ohr: „Maaamaaa, du musst aufstehen.“ Meine Augenlieder sind noch schwer wie Blei. Ich bemerke, wie kalte Kleckse auf meinen Arm tropfen. Der Weckruf meiner Tochter wird nun bestimmter: „Maaaaamaaaaa, du sollst jetzt auf-steh-en!“ Ich öffne die Augen. Ein Mädchen mit einer vollkommen zerzausten goldenen Mähne auf dem Kopf steht neben meiner Seite des Bettes. Mit ihren kleinen Fingern umklammert sie eine offene Tube Handcreme, die sonst auf meinem Nachttisch liegt. Ich schaue auf meinen rechten Arm herunter, der liebevoll weiß beschmiert ist. Stolz auf ihr Meisterwerk grinst sie mich an: „Ich hab dich eingecremt.“

 

Gerade mal fünf Minuten war ich an diesem Samstagmorgen wach und hatte bereits jetzt das Gefühl inmitten einer US Sitcom zu stecken. Eben noch das fürsorgliche 32 Monate alte Mäuschen neben mir und kaum geht es um´s Anziehen, kommt der Trotzkopf zum Vorschein: „Nein, ich will dies nicht und das nicht“, weil all das was Mama raussucht grundsätzlich abgelehnt wird. Die Jeans ist zu eng und nicht gemütlich genug und das Shirt gefällt einfach nicht. Die kurze Hose mit den Sternen soll es sein und Flip Flops. Da rede ich mich schon kurz nach Aufstehen um Kopf und Kragen, warum es zu kalt ist für ihre Lieblingsstücke, wieso der Sommer vorbei ist und weshalb wir uns nun wärmer anziehen müssen.

Bei uns grüßt nicht täglich das Murmeltier, sondern die Sesamstraße!

Während des Frühstücks wollte meine Tochter dann zeigen wie selbstständig sie schon ist und ihren Kakao alleine zubereiten. Das war zumindest ihre Vorstellung. Nicht, weil ich dachte es besser zu wissen, sondern weil ich vermeiden wollte, dass wir noch vor 9Uhr aussehen, als ob wir in Schokolade paniert worden wären, warf ich das Wort „zusammen“ ein. Wie gesagt, die Vorstellung war eine andere… es dauerte nicht lange und Tisch und Fußboden waren mit braunem Pulver übersät. Meiner Tochter war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Auf das typische „siehst du, hab ich dir doch gleich gesagt“, hab ich verzichtet. Mein Blick kann manchmal Bände sprechen.

Ich glaube unser 9 Monate alte Ridgeback Rüde ist mittlerweile schon so an unsere Familie gewöhnt, so dass ihn die morgendliche Kakao-Katastrophe zwar interessierte, er es aber nicht als gefundenes Fressen gesehen hatte. Trotzdem verbannte ich ihn erstmal in den Garten. Eine schlechte Idee, denn anscheinend standen Erdarbeiten in unserem Garten an der Tagesordnung. Derzeit ist er mehr Pubertier als Haustier.

Nachdem mir dann noch das Desinfektionsspray in die Toilette gefallen war, in die ich zuvor den kompletten Töpfchen-Inhalt meiner Tochter entsorgte, half nur noch eins: Kaffee!

Na, kommt euch mein kurzes Editorial aus (m)einem normal-verrückten Alltag bekannt vor? Ich sehe es gerade vor mir: alle Mütter, die es gelesen haben nicken jetzt zustimmend mit dem Kopf und alle Nicht–, oder Noch-nicht-Mütter fragen sich: „9Uhr?, da schlaf ich doch noch!“. Stimmt´s? ;-)

Ich habe in der letzten Woche ein Interview mit Charlotte Würdig gesehen in dem sie zugab, noch nie so viel gelogen zu haben, wie in der Zeit als Mutter. Meine Schwägerin behauptet, Kindererziehung bestehe zu 90% aus Erpressung. Ist da was Wahres dran?

 

Allein in dieser Woche habe ich gefühlt eine Million-mal Aussagen getroffen wie: „Iss bitte dein Brot auf, sonst gibt´s keinen Joghurt zum Nachtisch“, „Ich lese dir heute Abend nur Peppa Wutz vor, wenn du deine Spielsachen wegräumst“, oder der ganzjährige Klassiker: „Wenn du weiterhin so frech bist, bringt der Weihnachtsmann dieses Jahr keine Geschenke“. Wie habe ich sie früher gehasst, diese doofen Aussagen meiner Mutter, die mich dazu gezwungen haben etwas zu machen, auf das ich so gar keine Lust hatte. Und nun fällt mir als Mutter einfach nichts Besseres ein und wiederhole die gleichen Phrasen, die es bestimmt schon vor 50 Jahren gegeben hat.

 

Dabei sind die elterlichen „Drohungen“ doch mehr heiße Luft, als Tatsachen, oder? Ich meine einen abendlichen Aufstand, weil der Joghurt gestrichen wird oder das Genörgel wegen einer fehlenden Gutenachtgeschichte kann Mann und selbst Frau verkraften, aber sich das besinnliche Weihnachtsfest versauen lassen? Alles, aber bitte das nicht!

 

Manchmal habe ich das Gefühl, als ob der Weg der Kindererziehung lediglich einen Notausgang für Eltern bereithält.

 

Mein Mann und ich versuchen unsere Tochter zu einem starken und unabhängigen Mädchen zu erziehen, die nichts macht, nur weil andere es machen. Dennoch passiert es mir oft, dass ich sie vergleiche in dem ich sage: „Anna hat auch eine Mütze auf, also kannst du deine auch aufsetzten.“ Danach muss ich mir dann selbst an den Kopf fassen und komme mir bescheuert vor.

 

Fakt ist aber, dass Eltern ohne kleine Notlügen und erfinderische Ausreden wohl nicht überlebensfähig wären. Immerhin stehen wir bei jeder Diskussion auf dem dünnen Eis des Arktos-Super Spiels und müssen uns entscheiden, ob wir uns als „extrem cool“ oder „Buhmann“ outen. Oder wie es das Barbara Magazin so schön ausdrückt:

Vermutlich sind wir als Eltern einfach nur erwachsene Kinder, deren Villa Kunterbunt das Leben ist. Wir wissen, dass es kein richtig oder falsch gibt und 2x3 auch 4 sein kann, wenn wir es nur wollen.

Ich jedenfalls nenne mich ab heute nur noch Pipilotta Perfektionslos & mache mir die Welt so perfektionslos, wie sie mir gefällt!

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Kommentare: 2
  • #1

    Svenja (Samstag, 23 September 2017 07:54)

    Guten Morgen Pipilotta Perfektionslos :-), du sprichst mir total aus der Seele. Musste soeben schmunzeln, da wie hier auch eine kleine Trotzköpfin haben. Jeden Tag maßen an Drohungen. Das kann auch mal anstregend werde :-P Beim anziehen hilft, wenn ich ihr sage, dass sie es von ihrer besten Freundin bekommen hat. Jedesmal wenn ich den Schrank öffne haben wir also einen Wust an Klamotten, den ich natürlich (nicht) komplett ihrer Freundin abgeholt habe. Nicht zu vergessen die tägliche Diskussion um das Zähneputzen. Ahhh...Aber ich bin zuversichtlich. Umso anstrengender die Trotzphase, umso einfacher die Pubertät. Ich glaub da einfach mal dran.
    Seit letztes Woche lese ich das Buch "Die Trotzphase ist kein Ponyhof: Der Eltern-Survival-Guide". Ein Elternpaar beschreibt was es mit ihren Zwillingen immer wieder erlebt und durchmacht. Es sind tolle Tips wie man mit bestimmten Situationen umgehen kann und das ganze dann vielleicht auch nochmal auf eine kindliche Art und Weise.
    Und zum Schluss: Willkommen in der Autonomiephase. Unsere Kinder entwickeln Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung :-)

  • #2

    Martin (Montag, 25 September 2017 17:45)

    Amazing daughter �