#5 old but gold

Der goldene Herbst ist da und die gemütliche Zeit hat begonnen. Ich muss mich endlich nicht mehr für kalte Füße, eine Wärmflasche im Bett oder für die Tatsache rechtfertigen, dass Wolldecken durchaus ein anerkanntes Accessoire sind. Und da jetzt nur noch echte Barbecue-Fans auf Wintergrillen umsteigen, ist es die perfekte Gelegenheit Bratwurst gegen Popcorn und flammende Glut gegen flimmernde Leinwände zu tauschen.

 

Damit dann noch die richtige nostalgische Stimmung aufkommt werden noch ein Pfund Freundinnen, ein halbes Kino und eine Prise Kultfilm benötigt. Et voilà, fertig ist das Dirty Dancing Revival.

 

Bevor ich jetzt weiterhin so schreibe, als ob ich diesen Film in- und auswendig kennen würde: es war mein erstes Mal. Auf Instagram hatte ich vor meinem Outing folgende Frage zum abstimmen gestellt:

„Welchen Film habe ich noch nie zuvor gesehen: Pretty Woman oder Dirty Dancing?“

Es war der Wahnsinn, dass über 60 Prozent geglaubt haben, ich hätte die Lovestory zwischen Julia & Richard alias Vivien & Edward noch nie gesehen. Unfassbar! Als ich dann später eure Nachrichten via Instagram gelesen habe, hatte ich verstanden wie unfassbar es für euch war, dass ich die tanzende Romanze von Baby & Jonny nicht schon viel früher zu Gesicht bekommen habe. Tatsächlich hatte ich dem Film gegenüber leichte Vorurteile. Nicht, weil es ein Tanzfilm ist – im Gegenteil. Ich bin eher davon ausgegangen, dass Dirty Dancing DAS Synonym für Kitsch ist. Im Nachhinein weiß ich, dass mein Vorurteil nicht mit dem Film selbst, sondern vielmehr mit dem Song „The time of my life“ in Kombination mit etlichen Tanzshows zusammenhängt.

 

Dirty Dancing ist wirklich großartig! Ich liebe den Stil des Films. Die alten Autos, den vintage Look, die Songs und ja, natürlich auch die Story! Denn der Film beweist mal wieder, dass jeder Lifestyle – ob nun behütet, wie das von Baby oder aufregend, wie das von Jonny – perfektionslos ist. Am Ende habe ich also doch noch meine Lektion gelernt:

 

„Alt“ ist nicht gleich kitschig. Das gilt vor allem, wenn es sich dabei um echte Klassiker handelt!

 

Als Kind der 90er mit einem älteren Bruder vor der Nase kenne ich noch Schnurtelefone, die mit meterlangem Kabel über ganze Etagen bis ins eigene Zimmer verlegt wurden, damit der Schulhofklatsch nicht von der ganzen Familie mitgehört wurde. Fotofilme, die zum Entwickeln erst verschickt werden mussten und zwei Wochen später feststellte, dass die Hälfte der Bilder entweder verwackelt ist oder einem die roten Augen auf den Fotos regelrecht ansprangen. Von dem ohrenbetäubenden Geräusch in der Telefonleitung, wenn gerade jemand im Internet surfte, ganz zu schweigen. Trotzdem – oder gerade deswegen würde ich mein iPhone nie mehr hergeben wollen! Es gibt aber Dinge, die für mich unersetzlich sind. Bücher beispielsweise. Ich besitze keinen E-Book-Reader. Ich verstehe, dass es praktisch ist und die Titel hierfür sogar günstiger sind. Bei einem Buch geht es mir aber nicht nur um den Inhalt. Auch der Einband erzählt für mich eine Geschichte. Ein traditionelles Buch hat Charme. Genauso ist es doch auch bei Zeitschriften. Damit meine ich keine Klatschheftchen. Gute Magazine sind zeitlos. So werden zehn Jahre alte Ausgaben der Vogue auf eBay für stolze Preise verkauft. Kultig sind auch die Modetrends. Immer wieder fließen Trends der vergangenen Jahrzehnte in die neusten Laufsteg-Kollektionen der Fashion Shows mit ein.

 

Bereits Dagewesenes sollte auch nicht mit second hand abgespeist werden. „Old but gold“ (alt aber gut) bedeutet viel mehr als nur die Widerbelebung von Rüschenblusen aus Mamas Kleiderschrank oder das Restaurieren alter Möbel. Und ob die „gute alte Zeit“ wirklich so toll war, liegt wohl im Auge des Betrachters.

 

Ich für meinen Teil werde aus der Dirty Dancing-Lektion lernen und die, in die Jahre gekommenen Dinge des Lebens, mehr zu schätzen wissen. Und etwas Altes als überholt zu bezeichnen geht ja auch nur, wenn das bereits Existierende der aktuellen Zeit angepasst wird.

Vielleicht sollten wir Melonen durch Kürbisse ersetzen und die Frucht des schmutzigen Tanzens als unser Baby ansehen.

"ich habe einen Kürbis getragen!"

(perfektionslos)

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