#8 Vom Ketchup zum Feminismus

Es war einer dieser ganz normalen Abende. Meine Familie und ich saßen am Abendbrottisch und wir aßen Pommes.

Soulfood muss eben auch mal sein. Die Heinz Ketchup Flasche zierte dabei unseren Esstisch. Neben dem Kauen betrachtete ich die Flasche etwas genauer. Am Etikett des Flaschenhalses war ein Zitat von Henry John Heinz abgedruckt:

"Quality is to a product what character is to a man."

 

Ich las das Zitat dreimal um sicherzugehen, dass ich das „hu“ vor „man“ auch nicht übersehen hatte. „Das könnte man auch als Frauenfeindlich auffassen“, brach es aus mir heraus. Mein Mann guckte etwas irritiert. „Was denn?“. Ich las ihm dem Satz vor, der mich so beschäftigte. „Ich kann das voll verstehen“, sagte er mit einem Augenzwinkern und meinte beruhigend, dass dort bestimmt eine Jahreszahl stehen würde, wann es gesagt wurde. Tatsächlich hätte ich in dieser Situation mehr Verständnis für das Zitat aufbringen können, wenn 1858 danebengestanden hätte. Schließlich war die Rollenverteilung und Sicht auf Frauen im 19. Jahrhundert weitaus anders als heute. Aber das Zitat blieb zeitlos.

Auch wenn mittlerweile ein paar Tage nach meiner Entdeckung vergangen sind, ließ mir die Aussage vom Unternehmensgründer keine Ruhe. Ich versuchte also mehr über ihn herauszufinden. Was war er für ein Mensch? Die Biografischen Eckdaten von Henry J. Heinz lassen wenig Spielraum für persönliche Kritik. Er schien bereits in jungen Jahren ein sehr ehrgeiziger und ambitionierter Geschäftsmann gewesen zu sein. Vor allem Sauberkeit lag ihm am Herzen: "Damit seine Mitarbeiterinnen immer saubere Finger hatten, spendierte er ihnen einmal die Woche eine Maniküre. Jeder Arbeitstag begann für sie außerdem in luxuriösen Badezimmern mit Marmorwaschbecken, fließendem kaltem und heißem Wasser." – von Machogehabe und Machtspielchen Frauen gegenüber also komplette Fehlanzeige.

Und während ich recherchierte und nicht fündig wurde fragte ich mich selbst, ob mein Wunsch für mehr Gleichberechtigung und Pro-Feministischer-Gedanke hier nicht ein bisschen zu weit gehen? Immerhin geht es einfach nur um eine Ketchup-Flasche. Haben mich die Social Media-Posts à la „the future is female“ schon zu sehr beeinflusst oder ist mir der Hype um die „We should all be feminists“- Dior Couture Shirts einfach zu sehr zu Kopf gestiegen?

 

Also dachte ich darüber nach, warum mich die aktuelle Frauenbewegung überhaupt so interessiert, ja regelrecht mitzieht, und ich den Woman´s March so feiere.

 

Das uns Ungerechtigkeit, Vorurteile oder sogar Rassismus im Alltag begegnen, streiten wohl die meisten von euch ab. Grundsätzlich sind es aber auch hier die kleinen Erlebnisse, die mich geprägt haben. Angefangen damit, dass meine Oma den festen Standpunkt vertrat (und in gewisser Weise auch immer noch vertritt), dass Hausarbeit reine Frauensache ist und ich selbst in den Ferien früher als mein Bruder aus den Federn musste. Oder die Situation am Bahnhof mit einer älteren Dame, die mir den freien Platz neben sich anbot, anstatt der dunkelhäutigen Frau, die mit Sack und Pack neben mir stand. Und genau die gleiche alte Dame ist dann aufgestanden und gegangen, nachdem sich dann die Frau neben mir, auf meinen Vorschlag hin, setzte. Und schlieüßlich mein Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit, für den ich trotz unbefristeten Vertrag regelrecht betteln musste, weil ich stundentechnisch einfach wieder so anfangen wollte, wie zuvor. Aber Mütter in Vollzeit einzustellen scheint ja fast wie der Gedanke an eine perfekte Welt: undenkbar. Frauen haben nämlich mit zwei Vorurteilen zu kämpfen, die sich auch nicht so einfach abstreiten lassen. Soweit möglich könnte nämlich innerhalb kurzer Zeit ein weiteres Kind folgen und Frauen sind meist emotionsgeladener als die Männer. Im Falle des Falles bleibt also eher Mama beim kranken Kind als Papa.

 

Was mich aber immer noch am meisten stört ist, dass die Rollenverteilung der Geschlechter scheinbar immer noch klar definiert ist: Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Kinder, die Männer verdienen das Geld. Dass das nicht nur finanziell so nicht einfach zu bewerkstelligen ist, wissen mittlerweile wohl die meisten. Aber, dass Frauen so viel mehr sein können, sollte doch bitte auch jedem bewusst werden. Ich meine, warum wohl wird dafür gesorgt, dass die Bildung bei Jungen und Mädchen weiterwächst und eine Ausbildung oder Studium die Basis für das ganze Leben ist. Vermutlich nicht nur, um den Wocheneinkauf und die Nachmittagsaktivitäten zu planen, oder? Versteht mich bitte nicht falsch, es gibt Frauen, deren Leben als Hausfrau erfüllt ist. Sie arbeiten zusätzlich oft ehrenamtlich und Leisten damit ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Genauso gibt aber auch diejenigen, die sich beruflich weiter beweisen, neu erfinden oder positionieren wollen. Knapp zwei Jahre nachdem ich meiner Elternzeit den Rücken gekehrt habe um mit 40 Stunden wieder in das Daily-Business einzusteigen fühle ich mich wie der kleine Prinz auf einem fremden Planeten, denn die großen Leute verstehen nie etwas von selbst.

Der Wunsch für mehr Gleichberechtigung, Selbstbestimmung von Frauen und die Wichtigkeit der menschlichen Würde setzt aber auch eine Sache voraus: Akzeptanz.

Menschen, die Menschen nach Ihrem ÄuMßeren beurteilen können nicht erwarten von allen gemocht zu werden. Alle, die Freizügigkeit bei Frauen also Schwäche oder Provokation auslegen vergessen vielleicht, dass Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein zu den inneren Werten aller Menschen zählen. Frauen, die andere Frauen kritisieren statt sie zu unterstützen und ihnen Mut zu machen, sollten sich wirklich fragen, ob sie selbst als das wahrgenommen werden, was sie sind: eine Persönlichkeit!

Auch wenn der Trend sagt. „We should all be feminists“ sollten wir ehrlich zu uns selbst sein und uns fragen: „Should we all be feminists?“ – schließen zählen am Ende eben doch die Taten.

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