#9 Unter uns

Ich bin spät dran mit meiner Kolumne für den Monat Februar/März. Ehrlich gesagt habe ich wochenlang überlegt, über welches Thema es sich tatsächlich lohnt zu schreiben. Gibt es erwähnenswerte Trends, die trotz der etlichen Berichte und Fotos der Fashion Weeks noch interessant sind? Sollte ich mich noch stärker meiner persönlichen Meinung zum Feminismus widmen? Ist es ein Mehrwert für euch über Beziehungsprobleme zu sprechen? Seid auch ihr von der heilen Instagram-Welt genervt und fragt euch, ob es da draußen überhaupt noch Realität gibt? – Ihr merkt schon, ich konnte mich nicht auf ein Thema einigen. Nach genauerem Hinsehen musste ich dann aber feststellen, dass all diese Themen irgendwie eine Gemeinsamkeit haben. Es ist ein bisschen wie in diesen US-Krimi Serien, wenn die Detectives die Zusammenhänge zwischen mehreren Fällen herausfinden und Mittel, Motiv und Gelegenheit einem Verdächtigen zuordnen.

 

Fangen wir also an mit den Fakten.

In den letzten Wochen waren alle Augen mehr denn je auf die Metropolen New York, London, Mailand und Paris gerichtet. Keine Sorge, ich werde an dieser Stelle weder auf die neusten Kollektionen eingehen, noch über Fashion Trends berichten. Trotzdem ist ein Foto von der Londoner Fashion Show um die ganze Welt gegangen. Denn niemand geringeres als die Queen herself hat dem Modewahnsinn blaues Blut verliehen.

Kommen wir von den Bekleideten, zu den zu wenig bekleideten Frauen der vergangenen Tage. In der letzten Woche hat die NTV Redakteurin Sabine einen offenen Brief an Lena Meyer-Landrut auf der Website des Nachrichtensenders veröffentlicht. Die WELT hat einen Tag später genau diesen „Brief“ analysiert und die Situation mit einer charmanten Pointe klargestellt. Grund für diesen Aufreger war das Kleid, welches Lena bei der Berlinale auf dem roten Teppich trug. Mein Grund diese Schlagzeile in meine Kolumne mit aufzunehmen ist ein anderer. Später mehr dazu, ich möchte schließlich sachlich bleiben.


Widmen wir uns nun den Beziehungsproblemen. Denn egal ob wir in einer gut funktionierenden Beziehung oder Ehe stecken, niemand ist vor Zweifeln, geschweige denn Meinungsverschiedenheiten sicher. Vor ein paar Tagen haben mein Mann und ich uns gestritten. Nein, ihr braucht nicht die Luft anzuhalten, es ist alles ok. Aber es ist auch ok, das mal eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Und umso mehr ich nach unserer Diskussion über den eigentlichen Grund nachdachte musste ich an Shades of Grey und P!nk denken. Keine Sorge, es bleibt jugendfrei.

 

Ist das real? Fragt ihr euch vielleicht ebenfalls das ein oder andere Mal, wenn ihr durch die unendlich vielen Instagram Profile scrollt. Ob es sich nun dabei um ein Outfit handelt, welches scheinbar zufällig vor der idealen Kulisse geschossen wurde; Mütter, die sorgenfrei und fast schwebend ihre perfekte Familie präsentieren; Globetrotter, die die schönste Orte der Welt bereisen; Influencer, deren Leben mit denen von Hollywood Stars gleichzusetzen ist und tausend andere Profile, die anhand ihrer Likes und Follower-Zahlen viel interessanter sind als mein eigenes.


Mittel, Motiv & Gelegenheit alias die Hintergründe.

Die Queen. Ja, Sie ist stilsicher, verrückt nach Farbe und liebt Hüte. Dennoch hat sie die Fashion Show von Richard Quinn nicht für ein Pläuschchen über Mode Besucht. Grund ihrer Anwesenheit war der "Queen Elizabeth II. Award for British Design", den das britische Königshaus ins Leben gerufen und erstmalig überreicht hat. So saßen Sie dort nebeneinander: Queen Elizabeth II. in ihrer konventionellen Tweed-Kombi und Anna Wintour als durchgestylte Modeikone und Chefredakteurin der US-amerikanischen Vogue. Zwei Frauen, die so unterschiedlich sind, dass mir der Gedanke an zwei emanzipierte Frauen in der Führungsposition erst viel später in den Sinn kam…

 

Als emanzipierte wurde Lena Meyer-Landrut von ihrer Brieffreundin nicht beschrieben. Der Grund: bei der Premiere des Films 'Drei Tage in Quiberon' im Rahmen der Berlinale entschied sie sich für ein lilafarbenes, tief ausgeschnittenes Kleid. Anders als die Hauptdarstellerin und Regisseurin des Films, die beide ein schwarzes, hochgeschlossenes Dress trugen. Sicherlich kommt mir bei der Farbe schwarz die vergangene Golden Globe Verleihung in den Sinn, bei der viele Stars anlässlich der Time´s Up Bewegung und aus Solidarität zur #MeToo Kampagne eben diese Farbe für ihre Garderobe wählten. Ob dies auch die Beweggründe von Emily Atef und Marie Bäumer waren weiß ich nicht. Auch Sabine weiß es nicht, nutzt jedoch für die Dramaturgie ihres Briefes die Kampagne, die auf sexuelle Übergriffe gegen Frauen aufmerksam machen möchte und das Wort „Frauendiskriminierung“, während Frau gerade dabei ist eine andere Frau anzufeinden. Und alles nur wegen eines Kleides…

 


Zankereien sind nie schön und ja, ich bin mir sicher, dass jedes Paar anders mit solchen Querelen umgeht. Von endlosen Diskussionen, Stillschweigen bis hin zur Flucht zum besten Freund oder der besten Freundin ist wohl alles vertreten. In Shades of Grey werden Missverständnisse und Unstimmigkeiten bekannterweise etwas anders ausgefochten. Sex statt über die Probleme zu reden. Ist das die Lösung? Wer die Bücher gelesen hat oder sich den letzten Teil der Trilogie im Kino angeschaut hat weiß, dass dem nicht so ist. Das eine Beziehung „harte Arbeit ist“ hat auch P!nk in einem Interview verraten, als sie über ihre Ehe sprach und offenbarte, dass Sie und ihr Mann ein Jahr lang keinen Sex hatten...

 

So wie viele von euch mag auch ich Instagram. Ich schaue mir gerne Bilder meiner Freunde, Bekannten aber auch wildfremder Menschen an. Ich folge Leuten, deren Feeds mir gefallen, mich inspirieren oder irgendwie schräg sind. Es gibt Tage, an denen habe ich richtig Lust Instagram regelrecht zu durchforsten. Ich lese Posts, schreibe Kommentare und habe das Gefühl ein Teil dieser Welt zu sein. Es gibt aber Momente, da weigere ich mich die App auf meinem Handy zu öffnen. Da weiß ich, dass alles was ich dann sehen würde so inszeniert und fern ab der Realität ist, dass ich einfach offline bleibe. Auch wenn mich das der Algorithmus spüren lässt und ich nach ein paar Tagen Abstinenz mit weniger Followern und Relevanz dastehe…

 


Die Gelegenheiten...

Auf meinem Blog habe ich vor einem Jahr erstmalig über mein Verständnis zum Feminismus gesprochen und darüber, was sich nicht nur auf die Sicht von Frauen ändern muss, sondern, dass es insbesondere die Sicht unter uns Frauen ist, die anders werden muss. Der Brief von Sabine ist da ein Paradebeispiel. Während sie nämlich selbst damit beschäftigt war eine zur Berlinale eingeladene Lena für ihre Kleiderwahl und die Aufmerksamkeit bei den Fotografen unter Beschuss zu nehmen, hat sie vergessen ihren Job als Redakteurin dazu zu nutzen, ihre empfundene Ungerechtigkeit mit einem Beitrag über die eigentliche Filmpremiere, sowie die Hauptdarstellerin und Regisseurin, zu kompensieren.

 

P!nk dagegen hat mit ihrem Interview einen wirklichen Beitrag geleistet. Durch ihren ehrlichen und offenen Einblick in ihr Eheleben hat sie mir persönlich gezeigt, dass Reibereien in einer Beziehung unabhängig der Bekanntheit oder des Geldes sind. Es ist einfach normal, dass man als Paar nicht immer einer Meinung ist, sich ab und zu unverstanden oder nicht immer genug gewertschätzt fühlt. Ich weiß, Männer reden unter sich selten bis gar nicht über solche Themen. Das wären zu viele Emotionen. Tja und wir Frauen sind bei diesem Thema nicht immer ganz so ehrlich oder zumindest fassen wir uns oft erstaunlich kurz bei einem Gespräch unter Freundinnen. Aber warum? Ist es die Angst verurteilt zu werden? Schließlich sitzen wir doch alle im selben Boot, oder?

 

Egal an welche deutsche Berühmtheit ihr jetzt denkt, in 90% der Fälle aller Instagram Posts steht unter den Kommentaren eines Bildes entweder magersüchtig oder schwanger. Da feinden sich Follower – und ich behaupte hier jetzt mal hauptsächlich Frauen untereinander – regelrecht an. Umso mehr liebe ich Celeste Barber, die mit ihren Posts getreu dem Motto "Instagram vs. Reality" nicht nur meine Likes auf ihrer Seite hat und unter dem Hashtag #celestechallangeaccepted internationale Stars auf die Schippe nimmt.

 

Auch wenn Queen Elizabeth II. und Anna Wintour nicht aus den selben Beweggründen die Fashion Show von Richard Quinn aufsuchten, so haben beide den gleichen Eindruck einer starken Persönlichkeit vermittelt . Und zwar jede, auf ihre eigene Art und Weise.

 

Beide Frauen haben ihre Gelegenheit genutzt, weil sie sich aufs Wesentliche konzentriert haben.

#lebelieberperfektionslos

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