#1 Lebe lieber perfektionslos

Ich habe weder Journalismus studiert, noch lebe ich in einer atemberaubenden Stadt oder bin von Madonna adoptiert. Ich bin nichts von alledem. Ich bin einfach ich.

 

Mein Leben in den Zwanzigern ist geprägt vom eigentlich erst Erwachsenwerden bis hin zum sich erstmals alt fühlen. In wohl keinem Jahrzehnt passieren so viele Ereignisse, die das Leben und die Sichtweise darauf so sehr beeinflussen: Ausbildung oder Studium, Job, private Meilensteine wie die erste Wohnung, Hochzeit oder sogar der erste Nachwuchs; ganz egal ob dieser zwei-oder vierbeinig ist. Die Verantwortung im Leben wächst und wir fangen auf einmal an immer mehr Päckchen mit uns herumzutragen.

 

Mit 21 war ich ständig gestresst. Ich bin von Termin zu Termin gehetzt und hatte selten Zeit um mich mal außerhalb meines getakteten Alltags mit meiner Mutter zu unterhalten. Neben den Projekten auf der Arbeit, die nun mal zu meinem damaligen Job gehörten, baute ich das Wort Projekt auch mehr und mehr in mein Leben ein. Schließlich sind solche Vorhaben da um erledigt zu werden. Und ja, die Mission „Neues Sommerkleid“, „Bad putzen“ oder „Low Carb“ klingt natürlich gleich viel spannender als „ich weiß nicht, was ich zur Sommerparty anziehen soll“, „Mann kann seine Barthaare auch selbst wegwischen“ und „Low Carb? - klingt lecker, dass sollte ich mal ausprobieren“. Ohne meine Projekte und die dazugehörigen To-Do Listen konnte ich arbei…ähhh leben!

 

Und jetzt – wenige Jahre älter, aber um viele Erkenntnisse reicher - versuche ich euch davor zu bewahren, euch selbst (und euren Partner) mit To Do-Listen in den Wahnsinn zu treiben und das perfekt-Sein an den Nagel zu hängen.

 

Aber was genau bedeutet es eigentlich perfekt zu sein? Ist es nur unserer Äußeres das wir ohne Makel ins rechte Licht rücken wollen oder schlummert da noch mehr in uns? Um einer möglichen Antwort ein Stück näher zu kommen habe ich das Wort perfekt einfach mal gegoogelt. Meine Recherche ergab folgendes:

 

per·fẹkt

 

Adjektiv [nicht steig.]

 

vollkommen; ideal.

 

"Sie möchte eine perfekte Mutter sein."

Quelle: https://www.google.de/?gws_rd=ssl#q=perfekt

Ok, perfekt ist perfekt – quasi der Superlativ des Superlativs. Es gibt Tage, Momente und Ereignisse, die einfach perfekt sind. Wir sagen „yes, to this dress“, wenn wir uns zwischen Tüll und Tränen wie eine Prinzessin fühlen. Es gibt sogar Möbelstücke, die entweder aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Funktion wegen tadellos sind. Ja, auch Gefühle können perfekt sein: Wenn im Körper die Schmetterlinge Tango tanzen, dass Herz dazu den Takt angibt und unsere Augen wie Scheinwerfer strahlen, dann ist es Liebe – der Superlativ der Gefühle. Und betrachten wir unser Äußeres im Spiegel, was denken wir dann? Ich selbst weiß, dass uns selbst – Angesicht zu Angesicht – tausend andere Worte durch den Kopf schießen, als perfekt. Dann stören die Lachfältchen, die Brüste sind zu klein und die Oberschenkel zu rund.

 

Ich weiß nicht, ob ihr den Film Embrace bereits gesehen habt (Es lohnt sich! Zu sehen z.B. auf Amazon Video) oder hierzu das ein oder andere Interview von Nora Tschirner verfolgt habt. Der Dokumentarfilm öffnet die Augen dafür, welche Einstellung insbesondere wir Frauen zu unserem Körper haben und wie stark sich der Druck der vollkommenen Schönheit auf uns auswirkt.

 

Embrace – ein englisches Wort das mit der Übersetzung (sich) umarmen bereits die Problematik unser selbst darlegt. Denn wann sagen wir schon zu uns selbst: „ich bin schön“ oder geben unserem Partner ohne Widerworte ein einfaches „Ja“ zur Antwort, wenn er oder sie zu uns sagt „du bist schön“? Irgendwie fühlt es sich seltsam an, weil wir mit dieser Aussage ja eine ganz klare Position zu uns selbst beziehen und genau das anderen möglicherweise nicht gefällt. Dabei sind wir doch alle einzigartig und zeichnen uns durch die Merkmale unserer Gene aus: die Haar- und Augenfarbe, Gesichtszüge und Körpersilhouette, Hautfarbe, Muttermale, Storchenbisse oder Sommersprossen – jeder Fleck auf unserem Körper macht uns zu dem Menschen, der wir sind. Sicherlich können auch genau diese unverwechselbaren Äußerlichkeiten zu einem Problem werden. Eben dann, wenn wir selbst nicht nur einfach unzufrieden sind, sondern anfangen uns zu schämen. Jeder versteht unter schön etwas anderes und sieht Schönheit durch seine eigenen Augen. Gerade deshalb finde ich es auch wichtig, dass wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Einstellung und Entscheidung anderer zum Thema Schönheit, annehmen und akzeptieren. Es ist nicht eingebildet von sich selbst zu behaupten „ich bin schön“. Es ist ganz einfach eine gesunde Selbstliebe!

 

Darüber zu schreiben, wie wir uns selbst sehen sollten, ist schnell getan. Es dann tatsächlich auch umzusetzen, ist nicht immer einfach. Ich selbst weiß, dass eine positive Einstellung zum eigenen Körper und zum eigenen Ich nicht immer selbstverständlich ist. Als Teenager habe ich mir selbst die Challenge gesetzt komplett auf Süßigkeiten zu verzichten. Schokolade und Chips fehlten mir seltsamerweise auch überhaupt nicht und ich fing an Zucker aus meinem Alltag zu verbannen. Pubertäre Unzufriedenheit und Unverständnis haben dann dazu geführt, dass sich meine Mahlzeiten reduzierten. Gar nicht, weil ich abnehmen wollte. Sondern einfach, weil ich das Gefühl hatte, dass die Kontrolle über das was und wie viel ich zu mir nahm, das einzige zu dem Zeitpunkt war, was wirklich funktioniert hat. Glücklicherweise habe ich ziemlich schnell eingesehen, dass das Ziel zur eigenen Zufriedenheit über das Essen nicht gerade der beste Weg ist.

 

Der endgültige Entschluss oder vielmehr die Einsicht, dass mein Körper ein Unikat und nicht mit anderen gleichzusetzen ist, habe ich durch meine Schwangerschaft gelernt. Ich habe fast 30 Kilo zugenommen und die Jogginghose und der Kapuzen-Sweater waren mein liebstes Outfit. Im siebten Monat hatte ich mit enormer Übelkeit zu kämpfen und hatte tierisches Sodbrennen. Ich konnte nicht verstehen, wie manche Stars strahlend und hübscher denn je über den roten Teppich schwebten während ich mit meinen Wehwehchen einfach nur ins Stillkissen eingerollt auf dem Sofa liegen wollte. Wahrscheinlich habe ich, gerade weil ich mich zu dieser Zeit unwohl in meinem Körper gefühlt habe, verstanden und akzeptiert, dass es sinnlos ist, sich selbst mit anderen zu vergleichen.

 

Natürlich fühle ich mich durch diese Erkenntnis nicht täglich wie Kleopatra, besonders dann nicht, wenn mich mal wieder ein Pickel grüßt, meine Haare nicht zu bändigen sind und ich schlaftrunken mit der Mascara-Bürste abgerutscht bin.

Wir Frauen und auch Männer (!) in den Zwanzigern verbinden das Wort perfekt und seine Bedeutung als vollkommen und ideal vorrangig mit dem Aussehen. Irgendwann kommen wir aber an den Punkt, an dem wir uns die Frage stellen: „Bin ich nicht genug?“. Und dabei geht es um so viel mehr als nur um unser Äußeres. Es geht darum, dass wir Überstunden schieben, Meetings privaten Terminen vorziehen und dann doch die Nichte des Chefs befördert wird. Darum, dass wir in einer Beziehung alles gegeben haben, und uns letztendlich doch alles genommen wurde. Wir fragen uns, ob wir gut genug sind, wenn wir den Marathon immer und immer wieder laufen und es trotzdem nie unter die ersten zehn schaffen. Gerade wir Mütter setzen uns besonders gerne unter Druck und Google-sei-Dank werden wir sogar als Paradebeispiel dafür mit dem Satz „Sie möchte eine perfekte Mutter sein.“, innerhalb der Google-Suche mit dem Wort perfekt in Verbindung gebracht. Wir alle müssen und wollen funktionieren – egal ob beruflich oder privat, äußerlich oder innerlich – und dabei wollen wir auch noch perfekt sein!

 

Ganz egal wie oft ich über die verschiedensten Ideale nachgedacht habe, am Ende komme ich immer wieder zu dem Entschluss, dass mich die Vollkommenheit - so glatt, makellos und starr - langweilt. Es ist so, als wäre das perfekt-Sein eine Einbahnstraße. Stellt euch mal vor Rotkäppchen hätte nicht einmal die Möglichkeit gehabt vom Weg abzukommen? Wo wären dann das Abenteuer, die Moral und überhaupt die Story selbst?

Lässt es sich nicht viel unbeschwerter leben, wenn Fehler einfach dazugehören, wir auch mal Umwege nehmen dürfen und sich Schönheit vor allem durch Unvollkommenheit und den eigenen Charakter auszeichnet?

 

Wenn du eine neue Google-Suche startest und unter dem Wort perfektionslos folgendes angezeigt werden würde... :

 

per·fek·tions·los

 

Adjektiv - Lifestyle, Kolumne, Shop [nicht steig.]

 

interessant; chaotisch; einzigartig.

 

"So schön kann perfektionslos sein."

 

...willst du dann weiterhin versuchen perfekt zu werden oder anfangen perfektionslos zu leben?

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